Mehr Holz für klimagerechtes Bauen

    LIGNUM – Die Dachorganisation der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft ist auch ein Kompetenzzentrum für die Anwendung von Holz. Dabei bewegt sie sich in einem hochmodernen und digitalisierten Hightech-Bereich. Holz ist der Weg zu einem nachhaltigen Bauwerk Schweiz. Klimaschutz durch vermehrten Einsatz von Holz ist kostengünstig und mit zeitgemässen Technologien ohne Verzug umsetzbar.

    (Bild: Marco Leu GmbH, Rothenburg) Das sechsgeschossige «Haus des Holzes» in Sursee, fertiggestellt 2022, setzt die Prinzipien des kreislauffähigen Konstruierens mit Holz in die Praxis um.

    Holz sorgt in der Schweiz für fünf bis sechs Milliarden Franken Wertschöpfung. Am Holzeinsatz in Bau und Ausbau verdient die Branche ganz klar am meisten, vom Förster bis zum Zimmermann und Schreiner. «Der BIP-Anteil ist mit weniger als einem Prozent zwar nicht riesig, aber Holz schafft überall im ganzen Land Arbeit und Verdienst, gerade auch in Randregionen», sagt Jakob Stark, Präsident von Lignum, Holzwirtschaft Schweiz. Rund 350 Sägereien gibt es in der Schweiz. Deren Anzahl hat sich allerdings über die letzten Jahrzehnte stark verringert. Dabei hat sich die Branchenstruktur stark verändert: «Heute leisten rund ein Dutzend der grössten Sägewerke mehr als die Hälfte des schweizerischen Gesamteinschnittes, der heute bei rund 2,1 Mio. Kubikmetern liegt.» Über die letzten 30 Jahre betrachtet, hat der Schweizer Holzeinschnitt tendenziell abgenommen. Seit 2017 sind die Zeichen aber wieder positiver, der Einschnitt ist wieder gestiegen. Dennoch bleibt das industrielle Geschäft in direkter Konkurrenz zur EU hart umkämpft. Bei der Herstellung von Holzwerkstoffen – für diese wird Holz zunächst zerlegt und dann zu neuen Produkten gefügt, typischerweise Platten – war die Schweiz einmal ganz vorne dabei. Heute werden Holzwerkstoffe in der Schweiz nur noch von einer einzigen Firma im Kanton Luzern hergestellt, einem Global Player allerdings. Die Unternehmensgruppe beschäftigt rund 5’000 Mitarbeiter an zehn Produktionsstandorten weltweit. In jüngster Zeit ist Bewegung in der Holzindustrie spürbar. Dazu Jakob Stark: «Das ist ein gutes Zeichen. Denn wir haben Nachholbedarf bei der Fertigung von Holzbauprodukten im Inland. Der Selbstversorgungsgrad erreicht nur etwa einen Drittel, für den Rest sind wir auf Importe angewiesen.» Rund zwei Drittel kommen aus umliegenden Ländern der EU, vor allem aus Deutschland und Österreich, Italien und Frankreich. «Wir sind also auf die funktionierenden internationalen Netzwerke des Handels zwingend angewiesen.» Mit Blick auf alle Produkte auf der Basis von Holz wird mengenmässig seit 2011 mehr ein- als ausgeführt. «Wertmässig sind die Einfuhren markant grösser als die Ausfuhren, es werden also mehrheitlich deutlich höherwertige Hölzer bzw. Holzsortimente und Produkte aus Holz eingeführt als ausgeführt», konkretisiert Stark.

    (Bild: zVg) Jakob Stark, Präsident von Lignum, Holzwirtschaft Schweiz: «Der vermehrte Einsatz von Holz stellt eine grosse Chance dar.»

    Etwa zehn Millionen Kubikmeter Holz wachsen im Schweizer Wald Jahr für Jahr dazu, vor allem in den Alpen, wo sich die Landwirtschaft zurückzieht und frühere Weiden verganden. Seit Jahrzehnten werden etwa fünf Millionen Kubikmeter geerntet, der Rest bleibt stehen und überaltert schleichend den Wald. Dieser ist also unternutzt. «Bund und Branche sind sich einig. Wir könnten etwa acht Millionen Kubikmeter herausholen, ohne den Grundsatz nachhaltiger Waldbewirtschaftung auch nur zu ritzen», erklärt Stark. «Ich plädiere für eine Holznutzungsoffensive – mindestens eine Million Kubikmeter mehr Holz aus dem Schweizer Wald.»

    Nachwachsende Ressource mit Potenzial
    Derzeit liegt der Marktanteil des Holzbaus bei etwa 16 Prozent. «Da haben wir also noch viel Luft nach oben. Wir sind aber überzeugt, dass angesichts der Herausforderungen in der Klima- und Energiepolitik kein Weg an mehr Holz in Bau und Ausbau vorbeiführt», betont der Lignum-Präsident. «Der vermehrte Einsatz von Holz anstelle energie- und treibhausgasintensiv hergestellter Materialien im Bauwesen stellt eine grosse Chance dar.» Holz, das in Bau und Ausbau steckt, bildet einen langlebigen Speicher für atmosphärischen Kohlenstoff. In jedem Kubikmeter Holz steckt der Kohlenstoff aus einer Tonne CO2. Holz erspart dem Klima als Ersatz für energie- und treibhausgas­intensiv produzierte Materialien aber zugleich auch Emissionen daraus. Das nennt man Substitutionseffekt, der ist über den Daumen grad noch einmal so hoch. In Holz steckt aber auch unschlagbar wenig graue Energie. Die «Herstellung» des Materials erfolgt nämlich ohne externe Energiezufuhr allein durch die Sonne. Auch Ernte und Verarbeitung des Materials erfolgen ausgesprochen energiearm. Vor allem aber: «Holz ist eine der wenigen natürlichen Ressourcen, die wir in der Schweiz haben. Und es ist eine nachwachsende Ressource», sagt Stark. Er ist überzeugt: «Wenn wir den Gebäudepark Schweiz klimagerecht gestalten wollen, müssen wir viel mehr Holz einsetzen als heute. Wir müssen dem Gebäude-Bestand Sorge tragen – Stichwort graue Energie. Abreissen und neu bauen ist je länger je weniger opportun.» Mit Holz lassen sich Gebäude perfekt energetisch sanieren, anbauen, aufstocken. «Damit vergrössern wir den Kohlenstoffspeicher im Gebäudepark, während im Wald laufend neuer Kohlenstoff von Bäumen in Holz verwandelt wird.»

    (Bild: zVg) In der Klima- und Energiepolitik führt kein Weg an mehr Holz in Bau und Ausbau vorbei.

    Für den Know-how-Transfer in Richtung der Planerwelt arbeitet der Dachverband mit Hoch- und Fachhochschulen zusammen. Technische Lignum-Produkte sind ein zentraler Baustein für den Wissensaufbau zur Anwendung von Holz an diesen Institutionen.

    Klimanutzen von Holz gesetzlich würdigen
    Auch auf politischer Ebene ist Lignum aktiv: «Wir setzen uns dafür ein, dass deutlich mehr Holz im Schweizer Wald geerntet und im Inland verarbeitet wird als bisher. Dafür verlangen wir quantitative Ziele zur Holznutzung seitens des Bundes.» Lignum fordert daher, dass der dreifache Klimanutzen von Holz – Bindung von Kohlenstoff im Wald, Speicherung in Holzprodukten, Ersatz klimaschädlicher Materialien – gesetzlich gewürdigt und gebührend abgegolten und die graue Energie beim Bauen künftig bewertet wird.

    Ein kontinuierlicher Prozess ist die Digitalisierung in der Branche. Der Holzbau ist Pionier bezüglich CAD und CAM und hat ebenso viel Erfahrung in der 3D-Modellierung. Zudem verfügt er über eine ebenso lange Erfahrung in der Vorfertigung und weiss, wie man Produktionsdaten im 3D-Modell implementieren kann. «Das macht den Einstieg in Building Information Modelling (BIM) als neuen Standard im Bauwesen für uns relativ einfach.» Ein Erfolg ist auch die Initiative «Wald & Holz 4.0». Sie hatte das Ziel, der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft Unterstützung, Begleitung und Förderung im Wandel durch die Digitalisierung zu bieten. Die Branche hat noch viel Potenzial. Dies sieht auch Lignum-Präsident Jakob Stark. Er möchte den Holzbau-Marktanteil bis 2050 verdoppeln. «Bauen und Ausbauen mit Holz ist etwas, an dem man je länger, je weniger vorbeikommt, auch in hybrider Form in Kombination mit anderen Baustoffen.»

    Corinne Remund

    www.lignum.ch


    DAS MACHT LIGNUM SCHWEIZ

    Wissenstransfer und Politik

    Es fehlte an einer Stimme für Holz, die in der Fachwelt und darüber hinaus gehört wird, um zu erklären, was Holz kann. Deshalb wurde 1931 die Lignum in Zürich aus der Taufe gehoben. Ungefähr ab den fünfziger Jahren entstand in einem zweiten Schritt ein Netzwerk selbständiger Regionaler Arbeitsgemeinschaften für das Holz, oft aus den Forstämtern der Kantone heraus. Dieses Netz zählt heute 18 recht unterschiedlich strukturierte Organisationen. Die kräftige Verankerung – auch in den Regionen – ist zweifellos eine der grossen Stärken von Lignum. Ein dritter wichtiger Schritt auf dem Weg zum heutigen Stand erfolgte im Jahr 2000 mit dem Zusammenschluss der Lignum und der Schweizerischen Holzwirtschaftskonferenz, des damaligen politisch-wirtschaftlichen Arms der Branche. Seither ist Lignum, Holzwirtschaft Schweiz die Dachorganisation aller bauorientierten Teile der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft.

    Bekanntheitsgrad von Holz steigern
    Träger der Lignum sind sieben Vorstandsverbände sowie sechs weitere Mitgliedsverbände. Direktmitglieder zählt die Lignum rund 3’400, davon etwa 450 Firmen. Dazu kommen Institutionen aus Forschung und Lehre, aber zum Beispiel auch viele Gemeinden und Kantone. Die Einzelmitglieder der Lignum sind in der Mehrzahl Architektinnen oder Ingenieure.

    Die Lignum als gesamtschweizerische Dachorganisation dient dem Interessenausgleich in der Wertschöpfungskette Wald und Holz. Sie vertritt den Roh-, Werk- und Baustoff Holz politisch und wirtschaftlich auf nationaler und internationaler Ebene und positioniert die Holzbranche, welche gerade punkto Nachhaltigkeit viel zu bieten hat. Der andere Kernauftrag ist wie erwähnt der Wissenstransfer zum Baufachpublikum, sprich zu den Planern, aber auch zu Bauherrschaften und Investoren, um den Bekanntheitsgrad von Holz zu steigern und die Holz-Anwendung aufgrund neuer Erkenntnisse aus Forschung und Entwicklung voranzubringen. Denn im Bau und Ausbau liegen die grössten Wertschöpfungspotentiale für Holz. Ein besonderer Akzent liegt auf der Förderung von Schweizer Holz. Rund 90’000 Beschäftigte arbeiten in der Branche.

    CR

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